Endlich schmerzfrei Gehen: 5 häufige Fehler bei Fersensporn und Plantarfasziitis
Kategorie: Fuss
Wenn du morgens aufstehst und schon die ersten Schritte in der Ferse ziehen, stechen oder brennen, dann willst du vor allem eines: wieder schmerzfrei gehen können. Genau darum geht es hier. Denn bei Fersenschmerzen durch Fersensporn oder Plantarfasziitis sehe ich in der Praxis immer wieder dieselben Fehler. Und diese Fehler sorgen oft dafür, dass Beschwerden unnötig lange bleiben.
Die gute Nachricht ist: In vielen Fällen kannst du selbst eine Menge tun. Entscheidend ist, dass du an der richtigen Stelle ansetzt. Nicht mit Mythen, nicht mit roher Gewalt, sondern mit einem sinnvollen Verständnis davon, warum Fersenschmerzen entstehen und wie du die Heilung wirklich unterstützen kannst.
Inhaltsverzeichnis
- Warum Fersenschmerzen so oft falsch behandelt werden
- Fehler 1: Barfußschuhe als automatische Lösung sehen
- Fehler 2: Die Fußsohle aggressiv ausrollen
- Fehler 3: Falsches Verständnis von Plantarfasziitis und Fersensporn
- Fehler 4: Die wirksamen Übungen nicht konsequent nutzen
- Fehler 5: Den BMI ignorieren
- Was wirklich hilft bei Fersenschmerzen
- Ein beruhigender Abschluss: Fersenschmerzen sind oft selbstlimitierend
Warum Fersenschmerzen so oft falsch behandelt werden
Ein zentraler Punkt bei Plantarfasziitis ist folgender: In den meisten Fällen handelt es sich nicht um ein klassisches Entzündungsproblem, sondern um ein Überlastungsproblem der Plantarfaszie. Also vereinfacht gesagt um ein Missverhältnis zwischen dem, was auf dein Gewebe einwirkt, und dem, was es aktuell aushalten kann.
Genau deshalb treten Fersenschmerzen häufig in zwei Gruppen auf:
- bei sportlich aktiven Menschen, zum Beispiel Läuferinnen und Läufern
- bei eher inaktiven Menschen, häufig zwischen 40 und 60 Jahren, oft mit erhöhtem BMI
Beide Gruppen haben auf unterschiedliche Weise dasselbe Problem: Die Belastung passt nicht zur Belastbarkeit.
Fehler 1: Barfußschuhe als automatische Lösung sehen
Das überrascht viele. Barfußschuhe gelten oft als die gesündeste Wahl überhaupt und werden fast schon als Wunderlösung für Fuß-, Knie- oder Hüftprobleme verkauft. Im Zusammenhang mit Fersenschmerzen kann genau das aber nach hinten losgehen.
Warum? Weil dein Fuß in Barfußschuhen deutlich mehr selbst arbeiten muss. Das ist nicht grundsätzlich schlecht. Aber wenn deine Füße jahrelang an stützenderes Schuhwerk gewöhnt waren und du dann von heute auf morgen komplett auf Barfußschuhe umsteigst, steigt die Belastung auf alle Strukturen an, auch auf die Plantarfaszie.

Und wenn diese Struktur ohnehin schon gereizt oder überlastet ist, kann das schnell zu viel werden.
Was stattdessen sinnvoll ist
Wenn deine Fersenschmerzen ungefähr zu dem Zeitpunkt begonnen haben, als du auf Barfußschuhe gewechselt bist, dann ist es oft sinnvoll, vorübergehend wieder ein Schuhwerk zu nutzen, das deinen Fuß etwas mehr unterstützt.
Wichtig ist dabei das Wort temporär. Es geht nicht darum, deinen Fuß dauerhaft zu schonen. Es geht darum, die Belastung erst einmal zu senken, damit sich das Gewebe beruhigen kann. Parallel dazu solltest du dann gezielt an der Belastbarkeit arbeiten. Dazu kommen wir gleich noch bei den Übungen.
Fehler 2: Die Fußsohle aggressiv ausrollen
Viele rollen bei Fersenschmerzen die Fußsohle mit Ball, Rolle oder Flasche aus und hoffen, damit Verklebungen zu lösen. Oft nach dem Motto: Je mehr Druck, desto besser. Genau das ist der Fehler.
Auch wenn sich hartes Ausrollen irgendwie nach „Behandlung“ anfühlt, kannst du dadurch die Struktur deiner Plantarfaszie nicht einfach mechanisch verändern. Mehr Druck bringt hier keinen zusätzlichen Nutzen. Im schlimmsten Fall verschlimmerst du die Beschwerden sogar noch.
Wann Ausrollen trotzdem sinnvoll sein kann
Moderates Ausrollen kann für eine kurzfristige Schmerzlinderung hilfreich sein. Und das ist ein wichtiger Unterschied. Nicht als Lösung des eigentlichen Problems, sondern als Vorbereitung.
Wenn du die Fußsohle mit moderatem Druck für etwa 60 bis 90 Sekunden bearbeitest und das 2 bis 3 Mal wiederholst, kann das reichen, um die Schmerzen vorübergehend etwas zu senken.

Diese kurzfristige Erleichterung kannst du dann clever nutzen, zum Beispiel direkt vor den Übungen. So bewegst du dich oft angenehmer und bekommst die aktive Therapie besser umgesetzt.
Fehler 3: Falsches Verständnis von Plantarfasziitis und Fersensporn
Hier liegt einer der größten Denkfehler überhaupt. Schon der Begriff Plantarfasziitis führt oft in die falsche Richtung, weil das „-itis“ eine Entzündung vermuten lässt.
Ja, ganz am Anfang kann bei frisch aufgetretenen Beschwerden ein entzündlicher Anteil vorhanden sein. Aber nach einiger Zeit finden sich häufig keine typischen Entzündungsmarker mehr. Dann von einer klassischen Entzündung auszugehen und entsprechend zu behandeln, führt oft am Problem vorbei.
Warum Ruhe, Eis und Entzündungshemmer oft nicht ausreichen
Wenn etwas als Entzündung verstanden wird, kommen schnell die typischen Empfehlungen:
- Ruhe
- Eis
- entzündungshemmende Medikamente
Bei Fersenschmerzen durch Plantarfaszienprobleme bringt dich das aber meist nicht nachhaltig weiter.
- Ruhe erhöht die Belastbarkeit deiner Plantarfaszie nicht. Im Gegenteil, Gewebe kann dadurch sogar noch weniger belastbar werden.
- Eis kann kurzfristig angenehm sein, hat aber in der Regel keinen nachhaltigen Effekt auf die eigentliche Ursache.
- Entzündungshemmer sind keine echte Langzeitlösung und bringen zusätzlich mögliche Nebenwirkungen mit sich.
Wenn das Grundproblem ein Missverhältnis aus Belastung und Belastbarkeit ist, dann muss auch die Lösung genau dort ansetzen.
Der Mythos Fersensporn
Viele erschrecken, wenn auf einem Röntgenbild ein spitzer Dorn an der Ferse zu sehen ist. Verständlich. Das klingt erst einmal so, als würde dort buchstäblich etwas in den Fuß stechen.
Die Realität ist aber deutlich beruhigender: Ein Fersensporn ist oft einfach eine normale Alterserscheinung. Viele Menschen haben so einen Dorn im Röntgenbild und dabei keinerlei Beschwerden. Umgekehrt gibt es auch Menschen mit typischen Fersenschmerzen, bei denen gar kein Dorn zu sehen ist.

Das bedeutet: Der Dorn ist in den meisten Fällen nicht die eigentliche Ursache deiner Schmerzen. Und noch wichtiger: Er muss auch nicht verschwinden, damit du wieder beschwerdefrei wirst.
Fehler 4: Die wirksamen Übungen nicht konsequent nutzen
Wenn du bei Fersenschmerzen wirklich etwas verändern willst, brauchst du in der Regel mehr als Schonung. Zwei Maßnahmen sind besonders sinnvoll:
- eine gezielte Dehnung der Plantarfaszie
- eine dosierte Kräftigung von Wade und Plantarfaszie
Genau damit reduzierst du nicht nur Beschwerden kurzfristig, sondern arbeitest auch langfristig an der Belastbarkeit.
Übung 1: Dehnung der Plantarfaszie
Diese Dehnung ist einfach und alltagstauglich.
- Setz dich hin.
- Leg den betroffenen Fuß auf das gegenüberliegende Bein.
- Greif mit einer Hand an die Ferse und zieh den Fuß Richtung Schienbein.
- Mit der anderen Hand umfasst du die Zehen inklusive Großzehe und ziehst sie nach oben.
Dadurch entsteht ein deutlicher Dehnungszug in der Plantarfaszie.
Dauer und Dosierung:
- 10 bis 15 Sekunden halten
- 3 bis 10 Wiederholungen
Besonders sinnvoll ist diese Dehnung direkt am Morgen vor dem Aufstehen, wenn die ersten Schritte meist am unangenehmsten sind. Auch nach längerem Sitzen kann sie hilfreich sein.

Übung 2: Wadenheben zur Steigerung der Belastbarkeit
Diese Übung ist der wichtigere Langzeitbaustein. Denn wenn Belastung und Belastbarkeit aus dem Gleichgewicht geraten sind, musst du genau daran arbeiten.
Das Ziel ist, Wade und Plantarfaszie schrittweise stärker zu machen. Dafür kannst du mit vier Leveln arbeiten.
Level 1: Beidbeiniges Wadenheben vom Boden
- beide Füße am Boden
- 3 Sekunden langsam hoch auf die Zehenspitzen
- 3 Sekunden langsam wieder runter
- 10 bis 25 Wiederholungen
- 2 bis 3 Durchgänge
Level 2: Einbeiniges Wadenheben vom Boden
- 3 Sekunden hoch
- 3 Sekunden runter
- 10 bis 15 Wiederholungen
- 2 bis 3 Durchgänge
Level 3: Einbeiniges Wadenheben auf einer Stufe oder Erhöhung
- 8 bis 12 Wiederholungen
- 2 bis 3 Durchgänge
Level 4: Einbeiniges Wadenheben auf Erhöhung mit Zusatzgewicht
- 6 bis 10 Wiederholungen
- 3 Sekunden hoch, 3 Sekunden runter
- Zusatzgewicht mit Hanteln, Gewichtsweste oder beladenem Rucksack

Zusatz-Tipp
Wenn du ein zusammengerolltes Handtuch unter die Zehen legst, bekommst du während des Wadenhebens noch etwas mehr Dehnung auf die Plantarfaszie. Dadurch wird sie bei der Übung noch gezielter mit angesprochen.

Wie oft solltest du trainieren?
Eine gute Orientierung sind 2 bis 3 Trainingstage pro Woche mit mindestens 1 bis 2 Tagen Pause zwischen den Einheiten.
Das Schöne daran: Du brauchst dafür nicht viel Zeit. In wenigen Minuten hast du schon eine sinnvolle Einheit erledigt.
Wie viel Schmerz ist bei den Übungen okay?
Orientiere dich an einer Schmerzskala von 0 bis 10:
- 0 bedeutet keine Schmerzen
- 10 bedeutet stärkster vorstellbarer Schmerz
Bei den Übungen solltest du ungefähr im Bereich von 0 bis 5 bleiben. Also in einem Bereich, der noch gut tolerierbar ist.
Wichtig ist außerdem:
- Die Schmerzen sollten 2 bis 3 Stunden nach der Einheit nicht deutlich stärker sein.
- Auch am nächsten Tag sollten deine Beschwerden nicht drastisch über dem Ausgangsniveau liegen.
Das ist ein sehr praktischer Weg, um die Belastung sinnvoll zu steuern und Fersenschmerzen nicht unnötig anzuheizen.
Bonus innerhalb des Trainings: Den ganzen Unterkörper stärken
Es schadet nie, nicht nur lokal am Fuß zu arbeiten, sondern auch den gesamten Unterkörper mitzunehmen. Stärkere Beine und ein kräftigeres Gesäß verbessern deine Belastbarkeit insgesamt. Gerade wenn du wieder aktiver werden willst, ist das ein sinnvoller Baustein.
Fehler 5: Den BMI ignorieren
Dieser Punkt ist unangenehm, aber wichtig. Wenn du Fersenschmerzen hast, spielt dein BMI unter Umständen eine größere Rolle, als dir bewusst ist.
Der BMI setzt dein Körpergewicht ins Verhältnis zu deiner Körpergröße. Wenn hier ein deutliches Übergewicht besteht, kann das Beschwerden auf mehreren Ebenen verstärken.
Warum ein erhöhter BMI Fersenschmerzen begünstigen kann
- Mehr mechanische Belastung: Mehr Körpergewicht bedeutet mehr Last auf dem Fuß und damit auch auf der Plantarfaszie.
- Stoffwechselprobleme: Bei Übergewicht laufen viele Prozesse im Körper nicht optimal. Das kann die Gewebegesundheit negativ beeinflussen.
- Verstärkte Schmerzwahrnehmung: Niedriggradige Entzündungsprozesse, die mit Übergewicht einhergehen können, beeinflussen auch das Schmerzsystem.
- Weniger Belastbarkeit durch Inaktivität: Häufig geht Übergewicht mit zu wenig Bewegung einher. Das macht Bindegewebe und Muskulatur auf Dauer weniger belastbar.

Genau hier schließt sich der Kreis wieder. Bei Fersenschmerzen musst du zwei Dinge parallel denken:
- Belastung reduzieren, wenn sie aktuell zu hoch ist
- Belastbarkeit erhöhen, damit dein Gewebe wieder mehr aushalten kann
Wenn Barfußschuhe der auslösende Faktor waren, setzt du dort an. Wenn Übergewicht und Inaktivität der größere Faktor sind, liegt dort dein Hebel. Und wenn du beides mit gezieltem Training kombinierst, stehen die Chancen gut, schneller wieder schmerzfreier zu werden.
Was wirklich hilft bei Fersenschmerzen
Wenn ich das Ganze auf den Punkt bringen müsste, dann so:
- Verlass dich nicht auf Mythen rund um Fersensporn und Plantarfasziitis.
- Vermeide unnötige Reizung durch Überlastung oder zu aggressive Selbstbehandlung.
- Nutze kurzfristige Schmerzlinderung nur als Unterstützung, nicht als Hauptlösung.
- Arbeite aktiv an deiner Belastbarkeit mit gezielten Übungen.
- Berücksichtige Faktoren wie Schuhwerk, Aktivitätsniveau und BMI.
Ein beruhigender Abschluss: Fersenschmerzen sind oft selbstlimitierend
Zum Schluss noch ein Punkt, den ich vielen Betroffenen mitgebe, weil er oft enorm entlastet: Dieses Beschwerdebild ist häufig selbstlimitierend.
Das bedeutet, dass die meisten Menschen auch ohne perfekte Therapie irgendwann wieder beschwerdefrei werden. Häufig liegt dieser Zeitraum ungefähr bei 12 Monaten. Bei manchen geht es schneller, bei anderen dauert es länger.
Therapie und sinnvolles Eigentraining können diesen Verlauf aber positiv beeinflussen und die Zeit bis zur Besserung verkürzen. Genau deshalb lohnt es sich, aktiv zu werden, statt sich nur auf Schonung, Hoffnung oder Zufall zu verlassen.
Wenn du also gerade mit Fersenschmerzen kämpfst, dann heißt das nicht, dass du damit dauerhaft leben musst. Entscheidend ist, die richtigen Hebel zu nutzen. Weniger Fehlversuche, mehr kluge Belastungssteuerung und konsequentes Training.

Tom Nestler
Tom ist Physiotherapeut, Personaltrainer und GLA:D®-Arthrosetherapeut
Er unterstützt Menschen mit Schmerzen zurück in die Aktivität zu kommen und fitter zu werden.
Wie geht es weiter?
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